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aus der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung vom 2. Mai 2018:

Die Marienburger Straße teilt den Stadtteil Marienburger Höhe in einen Ost- und einen Westteil. Doch für einige Einwohner gibt es diese Teilung nicht nur auf der Karte. „Die Straße hat für den Stadtteil eine trennende Wirkung“, findet Kurt Warmbein. Sie werde wenig überquert, weil der starke Verkehr die Menschen abschrecke. Warmbein wohnt selbst in der Nähe der Straße und ist Sprecher der Bürgerinitiative gegen ein Neubaugebiet am Wasserkamp. Ein Argument der Initiative: Die Marienburger Straße sei jetzt schon überlastet. Durch noch mehr Pendler aus Itzum würde sich die Situation für die Anwohner weiter verschlechtern.

Die Marienburger Straße scheint den Stadtteil aber auch noch auf einer anderen Ebene zu teilen. Auf der einen Seite der unsichtbaren Linie befinden sich die Menschen, die das tägliche Verkehrschaos vor ihrer Haustür unerträglich finden und ein Neubaugebiet in Itzum ablehnen. Auf der anderen Seite stehen Anwohner und Geschäftsleute der Straße, die die Aufregung kaum verstehen können. Sie fühlen sich wohl in ihrer Straße, einige befürworten sogar ein Neubaugebiet.

„Straßenlärm stört mich nicht“

Zu ihnen gehört Marina Schnar, die im August letzten Jahres in einem ehemaligen Kiosk ein Nagelstudio eröffnet hat. Jeden Tag sitzt sie von morgens bis nachmittags in dem kleinen Häuschen und hat einen guten Blick auf die Straße. „Obwohl die Fenster nur einfach verglast sind, stört mich der Straßenlärm überhaupt nicht“, berichtet sie. Tausende Radfahrer, Fußgänger und vor allem Autos eilen jeden Tag an ihrem Laden vorbei. Doch nur wenige halten an, berichtet Schnar. Ein Neubaugebiet befürwortet sie trotzdem. Vielleicht würde der eine oder andere neue Anwohner den Weg zu ihrem Laden finden.

Nicht weit von ihrem Nagelstudio entfernt wohnt eine Frau, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Sie ist in der Marienburger Straße aufgewachsen und hat mit einer kurzen Unterbrechung insgesamt über 60 Jahre in der Straße gelebt. Natürlich habe sich viel verändert, erklärt sie. „Früher war es hier viel ruhiger. In der Mitte der Straße standen Bäume.“ Sie hat den vierspurigen Ausbau der Straße miterlebt und konnte beobachten, wie der Verkehr zunahm. Doch ans Wegziehen hat sie nie gedacht. „Es ist nunmal eine lebhafte Straße. Wer hier hinzieht, der weiß das.“ Außerdem könne sie im Alter von der Busanbindung profitieren.

„Fast wie eine Autobahn“

Die hat auch Jutta Pink vor 20 Jahren überzeugt, eine Wohnung in der Marienburger Straße zu kaufen und mit ihrer Familie dort einzuziehen. Heute bereue sie diesen Schritt, erklärt sie. „Damals war das noch eine Straße. Heute ist es eine Rennstrecke, fast wie eine Autobahn.“ Um den Lärm der Straße zu ertragen, müsse sie tagsüber die Fenster geschlossen halten. Auch hätten in den letzten Jahren immer wieder Geschäfte schließen müssen. „Die Leute flüchten geradezu vor der Straße.“ Pink unterstützt die Bürgerinitiative gegen das Neubaugebiet am Wasserkamp.

Sie fürchtet, dass die Pendler aus den bis zu 600 neuen Wohneinheiten für noch mehr Verkehr und somit für noch mehr Lärm sorgen könnten. Laut Warmbein eine begründete Sorge: „Nach Schätzungen würden 2200 Fahrten täglich dazukommen“, erklärt er. Aber auch ohne diese zusätzlichen Autos müsse etwas gegen den Krach getan werden. Messungen der Initiative hätten ergeben, dass der Lärmpegel in der Straße mit teilweise über 70 Dezibel schon jetzt viel zu hoch sei. Eine Möglichkeit sei, den Verkehr durch eine schmalere Fahrbahn zu verlangsamen. „Die Rechtsabbieger-Spur zum Bühler Campus könnte beispielsweise gut zu einem Radfahrstreifen umfunktioniert werden“, findet Warmbein. „Von Autofahrern wird die Spur sowieso kaum genutzt.“ Das würde auch den Radverkehr auf dem Bürgersteig eindämmen, glaubt sein Mitstreiter Norbert Frischen. Er ist Vorstandsmitglied im Kreisverband des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) und viel mit dem Fahrrad unterwegs. „Auf der Marienburger Straße ist Fahrradfahren eine Katastrophe“, findet er. Für die vielen Radfahrer und Fußgänger sei es viel zu eng. „Und alle müssen durch das Nadelöhr Klingeltunnel.“

Häufiger Tempo messen?

Die engen Fahrradwege und die Lärmbelastung an der Marienburger Straße waren auch schon im Ortsrat auf der Tagesordnung. Der stellvertretende Ortsbürgermeister Vincenzo Galvanico (CDU) betreibt in der Silberfundstraße ein Feinkostgeschäft und stört sich ebenfalls schon lange an den Verhältnissen in der benachbarten Straße. Auch er schlägt vor, Fahrradwege auf der Fahrbahn zu schaffen und den Verkehr zu verlangsamen. Gegen ein Neubaugebiet spricht das aber seiner Meinung nach nicht. Er schlägt vor, Hindernisse zu schaffen, die den Verkehr verlangsamen. Er plant, noch in diesem Jahr einen Runden Tisch aus Geschäftsleuten und Ärzten rund um die Marienburger Straße ins Leben zur rufen.

Für Ortsratsmitglied Nicole Reuß (SPD) geht eine Verlangsamung des Verkehrs in die völlig falsche Richtung. „Das Ergebnis wäre, dass der Verkehr noch mehr ins Stocken gerät. Aber ruhiger würde es nicht werden.“ Sie befürwortet häufigere Geschwindigkeitskontrollen. Einen konkreten Plan, wie man die Marienburger Straße attraktiver machen könnte, gebe es im Ortsrat allerdings nicht.

https://www.hildesheimer-allgemeine.de/news/article/die-strasse-die-einen-stadtteil-trennt.html